Integration: Unsere Kernkompetenz

Dieses Jahr werden vermutlich etwa eine Million Menschen als Flüchtlinge in die Bundesrepublik kommen. Die öffentliche Debatte ist, wie so oft, von normativer Hilflosigkeit, Vorurteilen und Halbwissen, ideologisch motivierter Realitätsverweigerung und selbstsicherer Ignoranz gezeichnet. Ein gutes Maß an Hysterie kommt auch noch dazu. Ein Blick auf die Integrationsgeschichte der Bundesrepublik zeigt das in aller Deutlichkeit und hilft dabei, realistisch zu bleiben und sinnvolle Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.

Integration in den Jahren nach 1945

Die vermutlich zweitgrößte Integrationsleistung in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ihren Anfang gleich in den Jahren nach 1945. Ein in mehr als einer Hinsicht total zerstörtes Land hat es geschafft, etwa 13 Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten aufzunehmen und in die sich gerade neu formierende Gesellschaft und Republik zu integrieren. Natürlich gab es dabei Spannungen, Ablehnung, Aggression – wäre ja auch ein Wunder. Bayern und Schlesier oder Ostpreußen hatten zum Beispiel in gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Hinsicht wenig gemein und man ist immer recht gut ohne einander ausgekommen. Als Kind und Jugendlicher in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts  wusste ich in meiner niederbayerischen Heimatstadt noch ganz genau, wer die „Flüchtlingsfamilien“ und die „Flüchtlingskinder“ waren und wo die „Flüchtlingshäuser“ standen. Liebevolle Ehrentitel waren diese Bezeichnungen keine. Aber: Es hat insgesamt geklappt.

Ihr sicherlich größter und erstaunlichster Integrationserfolg ist die Bundesrepublik selbst. Nach dem 2. Weltkrieg gab es Millionen und Abermillionen Nazis, Antisemiten und Rassisten, Antirepublikaner, Militaristen, Deutschnationale, gewaltgeprägte und -bereite Menschen mit enormer Kampferfahrung und exzellenter Ausbildung (zum Teil noch bis an die Zähne bewaffnet), aktive Mitmacher und Mitläufer, moralisch orientierungslose Christen, Opportunisten, Blockwarte und Heuchler – und sehr viele von Nationalsozialismus und Krieg gebrochene Menschen. Und erst das Frauenbild damals! Die paar Salafisten, islamischen Integrationsverweigerer, Stadtteilgangs, Neu-Nazis und linken Krawallisten des Jahres 2015 wirken risikotechnisch betrachtet dagegen wie ein Kindergarten auf Besuch im Spielzeugmuseum. Es gab damals relativ wenig Menschen, die mit der von den Westmächten erzwungenen politischen Vision eines Verfassungs- und Rechtsstaates westlicher Prägung etwas anzufangen wussten und vermutlich noch weniger, die wirklich entschlossen waren, diese umzusetzen. Aber: Es hat insgesamt geklappt.

Integration der Gastarbeiter aus der Türkei und Südeuropa

In den sechziger Jahren kamen dann aufgrund gezielter Anwerbung einige Millionen von Gastarbeitern in die Bundesrepublik – ohne die Sprache zu beherrschen oder mit der damaligen politischen Kultur vertraut zu sein. Und ohne klaren Plan der Bundesrepublik, wie eine Integration hinzubekommen wäre. Man dachte ja, sie würden alle nach ein paar Jahren einfach wieder gehen. Der handfeste Beitrag dieser Gastarbeiter zum Wirtschaftswunder, zum Aufbau der globalen „Wirtschaftsmacht BRD“ und der D-Mark ist unbestritten. Ihre Kinder und Kindeskinder sind aus der Bundesrepublik heute nicht mehr wegzudenken – ein München ohne sie ist z.B. nicht mehr vorstellbar. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Sie sind ein wesentlicher Teil des ganz normalen unspektakulären Alltags. Auch in diesem Zusammenhang wurden von allen Beteiligten immer wieder Fehler gemacht – es hat aber insgesamt geklappt.

Integration der Russlanddeutschen

Über viele Jahre hinweg, mit einem Höhepunkt um 1990, wurden Menschen deutscher Abstammung aus der damaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik geholt – insgesamt etwa 3 Millionen. Auch hier gab es zu Beginn massive Schwierigkeiten, was ja auch kein Wunder ist: Diese Migranten kamen in eine ihnen unbekannte politische Kultur und Gesellschaft. Auch damals gab es in der Anfangsphase sehr häufig Begriffe wie „schwer zu integrieren“, „andere Einstellung zu Gewalt“ usw. zu hören. Teilweise durchaus nachvollziehbar – aber: Es hat insgesamt geklappt.

Integration der Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien

Viele der Menschen, die das damalige Jugoslawien wegen des Bürgerkrieges verlassen mussten, sind nach Deutschland gekommen. Ein guter Teil ist nach Gründung der diversen Nachfolgerepubliken zurückgekehrt; ein anderer Teil geblieben – und Teil unseres Landes, unserer Gesellschaft und Arbeitwelt geworden. Hat geklappt.

Integration von Flüchtlingen aus der ganzen Welt

Immer wieder, Jahr für Jahr, hat die Bundesrepublik seit ihrer Gründung Flüchtlingen Schutz und Aufenthalt gewährt – aus Ungarn und der Tschechoslowakei, aus Chile, dem Iran und Vietnam und so weiter und so weiter. Und es war eine Selbstverständlichkeit, allen eine neue Heimat zu bieten, die – oft unter Lebensgefahr – den Ausbruch aus der DDR geschafft hatten. In all diesen Fällen hat es im Grunde geklappt.

Integration der Untertanen der Ex-DDR

Gerade werden 25 Jahre Vereinigung gefeiert – und niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass die Integration der Länder der ehemaligen DDR in die Bundesrepublik reibungslos verlaufen oder bereits erfolgreich abgeschlossen wäre. Historisch betrachtet war und ist es eine Herkulesaufgabe. Eine Gesellschaft, die aus dem Nationalsozialismus direkt in den Kommunismus geraten war, in einen selbst unvollkommenen Rechts- und Verfassungsstaat zu integrieren – dafür gibt es keine Blaupause. Es ging ja nicht nur darum, eine menschenverachtende politische Nichtkultur wie den Sozialismus schnell und nachhaltig zu überwinden. Es mussten eine marode Pleitewirtschaft, eine zerbröselnde Bausubstanz (die Mauer war der einzig solide Neubau der DDR) und eine erbärmliche Infrastruktur bewältigt werden. In diesem Zusammenhang läuft seit 25 Jahren der vermutlich größte Finanztransfer der Menschheitsgeschichte. Pro Jahr sind mindestens etwa 100 Milliarden Euro von West nach Ost geflossen und fließen immer noch (Wikipedia: Kosten der deutschen Einheit). Zu den eben genannten Baustellen kamen noch die Umstellung auf Westwährung zu einem absoluten Willkommenspreis und die Finanzierung der Sozialsysteme – das alles war und ist extrem teuer und bedeutet einen massiven und dauerhaften Wohlstandsverzicht für westdeutsche Steuerzahler. Wobei zu bemerken ist, dass letztere weit weniger herumjammern als die Nutznießer dieser gigantischen Umverteilung.

Ob das am Ende klappen oder in der politischen und gesellschaftlichen Sackgasse enden wird – das weiß noch keiner. Trotz enormer Subventionen hinkt die Wirtschaft Ost nach 25 Jahren noch weit hinter den alten Westländern her. Eine Produktivitäts- und Energieexplosion schaut jedenfalls anders aus. Betrachtet man die Wahlergebnisse rechts- und linksradikaler Parteien und die politische Landschaft in den neuen Bundesländern, ist ebenfalls Skepsis angebracht. Einen schwungvollen politischen Aufbruch kann ich da nicht erkennen. Die Reaktion weiter Teile der Bevölkerung der ehemaligen DDR auf die aktuelle Zuwanderung zeigt in aller Deutlichkeit, wie schwer es der Geist einer eh nur moderat freiheitsorientierten Verfassung dort immer noch hat. Diverse Filme auf youtube bieten wertvolles zeitgeschichtliches Anschauungsmaterial zu der Frage, wer und was sich da alles für das (deutsche) Volk hält und glaubt, seinen kulturellen Höchststand vor Flüchtlingsheimen oder bei Pegida-Festivitäten abreagieren zu müssen Kurz: Dieses Projekt ist noch in Arbeit! Aber irgendwie werden wir das auch hinkriegen – wer Brasilien 7:1 wegputzt ….

Mein Fazit

Die ständige und ganz überwiegend gelungene Integration einer bunten Vielfalt von Menschen aus anderen Kulturräumen und Gesellschaften ist eines der dominanten historischen Leitmotive der Bundesrepublik seit ihrem Bestehen. Vor dem Hintergrund ihrer Vorgeschichte war das so nicht zu erwarten – es ist tatsächlich sehr erstaunlich, wie gut dieses permanente Veränderungsprojekt unter dem Strich klappt!

In Bezug auf die aktuelle Zuwanderung sollten wir also auf dem Teppich bleiben. Die bereits bewältigten Herausforderungen waren meistens wesentlich schwieriger und komplexer als die aktuelle. Wenn wir unsere bisherigen Erfahrungen nüchtern und realistisch auswerten und mit Zivilcourage und Konsequenz an die Sache herangehen, dann wird das selbstverständlich wieder klappen – warum denn auch nicht?

PD Dr. Andreas Edmüller, 3.10.2015

 

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