Die offene Gesellschaft

Liberalismus. Ethik. Argumente.

Das Märchen von der Gleichheit

Buchtitel Der klassische Liberalismus steht  bekanntlich dem Gleichheitsgedanken sehr skeptisch gegenüber. In meinem Buch (siehe Bild) vertrete ich die These, dass man Gleichheit für eine belastbare Gerechtigkeitstheorie gar nicht braucht. Ein Grund für diese Skepsis ist, dass der Egalitarismus im Rahmen der bekannten Wohlfahrtsstaatsmodelle stark destabilisierend wirkt. Konkreter: Der Sozialstaat verfügt über Selbstzerstörungsmechanismen, die sehr viel mit dessen Gleichheitsstreben zu tun haben. Einige dieser Mechanismen skizziere ich in diesem Beitrag.

 

Phase 1: Die Lederhose

Das Märchen beginnt in Rottachegern am Degernsee, ein paar Jahre nach der liberalen Staatsgründung. Die Neubürger haben es tatsächlich geschafft, ihre Lebensqualität entscheidend zu verbessern. Das Sicherheitsproblem ist gelöst; der Lebensstandard nimmt langsam zu. Kurz: Es läßt sich leben, in Rottachegern. Sepp, einer der vielen Kleinbauern, interessiert sich schon lange für Brauchtum und Volkskultur und gründet mit ein paar Gleichgesinnten einen Trachtenverein. Schnell merken sie, dass es gar nicht so billig ist, sich eine Tracht schneidern zu lassen. Sepp kennt den Bürgermeister und bittet ihn um Unterstützung, um einen Lederhosenzuschuss. Seine Begründung:

Die Trachtler möchten nach ihrer Fasson glücklich werden und für die Freiheit der Mitbürger ist ein Trachtenverein auch gut, weil er deren Möglichkeiten der Betätigung erweitert. Eine Gesellschaft, die viele Möglichkeiten bietet, ist doch sicherlich freiheitsfördernd, oder?

Das leuchtet dem Bürgermeister ein. In der Gemeindekasse ist zum Glück etwas Geld, weil in der Vergangenheit sehr knauserig und hartherzig liberal gewirtschaftet wurde. Zur Lederhoseneinweihungsveranstaltung sitzt er auf dem Ehrenplatz und hält eine Rede zum Thema Freiheit, Eigenverantwortung und Brauchtumspflege. Ein paar Wochen danach hält er diese Rede bei der Schießgewehreinweihungsfeier der Gebirgsschützen. Sie konnten ihn davon überzeugen, dass ihre Form der Brauchtumspflege wie die der Trachtler den Freiheitsspielraum der Bürger vergrößert. In Kmund, Greuth, Markt Wiessee und anderen Gemeinden im Degernseer Tal entstehen zügig weitere Trachtenvereine und Gebirgsschützenkompanien. Der Bürgermeister hält sehr viele Reden und wird immer populärer. Auch die Lederhosen- und Schießgewehrfabrikanten loben ihn für seine konsequente und weitsichtige Förderung der einheimischen Wirtschaft. Der Bürgermeister wird mit großem Stimmenvorsprung zum Landrat im Degernseer Tal gewählt. Die Sache mit der aktiven Freiheitsförderung gefällt ihm.

Phase 2: Die Tourenbindung

Der Landrat erhöht die Steuern ein ganz kleines bisschen. Der Grund dafür ist ein sehr erfreulicher: Die Bürger nehmen seine Reden ernst, übernehmen Eigenverantwortung für eine pluralistische Gesellschaft und gründen Theatergruppen, Orchester, Archäologiegruppen, Jagd-, Fischerei und Kunstvereine sowie Literaturgesellschaften und Turnvereine mit Eishockeyabteilung. Dabei werden sie vom Landrat finanziell unterstützt; die Freiheit zu sichern und zu fördern ist ja eine der wichtigsten Kreisaufgaben. Die Verstimmung ob der höheren Steuern hält sich in Grenzen. Man zahlt eh nicht so viel und hat ja auch was davon: Lederhosen, Schießgewehre, Instrumente, Theaterbühnen, Turnhallen, Eishockeyschläger usw.

Nur die Skitourengeher sind sauer. Der Grund: Sie zahlen Steuern und müssen sich ihre Ausrüstung auch weiterhin selber kaufen. Sie konnten den Landrat nicht davon überzeugen, dass ihre Betätigung die Freiheit fördert. Der Landrat ist zufällig Jäger und mag keine Skitourengeher. Außerdem gibt es viel weniger Skitourengeher als Trachtler. Aber die Skitourengeher sind nicht dumm. Sie gründen zusammen mit den Bergradlern, den Kletterern, den Bergwanderern und den Hochtouristen einen Alpenverein. Jetzt hat man Schwungmasse genug, um für die Gesellschaft ein Mehr an Freiheit zu ermöglichen. Man baut Hütten und Wege in den Degernseer Bergen, ohne die viele Mitbürger die Freiheit der Berge nicht genießen könnten. Das überzeugt den Landrat. Der Alpenverein erhält einen Bindungs-, Hütten- und Wegezuschuss. Die Alpenvereinsmitglieder freuen sich natürlich. Erstens hat man jetzt doch was von seinen Steuern und zweitens wird das eigene Hobby konkret billiger. Kurz danach entzweit ein Streit den Vorstand und es kommt zu einer Abspaltung, dem Freiheitlichen Bergverein. Auch der wird vom Landrat gefördert; schließlich zählt die Freiheit eines Jeden!

Phase 3: Die Freiheit nimmt zu

Die Steuern steigen. Warum? Viele verstimmte, da anfänglich zu kurz gekommene und im Sinne der Freiheit benachteiligte Gruppen haben sich erfolgreich organisiert: Die Kleinbauern sehen ihre Freiheit der Berufswahl ohne Subventionen gefährdet, die Ruderbootschnitzer betrachten ihre Präsenz auf dem Degernsee als freiheitssichernde Maßnahme, die Pferdekutschenfahrer verweisen auf Brauchtumspflege, Pluralismus und Freiheit der Berufswahl, die Künstler fördern aktiv eine facettenreiche, freiheitliche und kritische Gesellschaft. Außerdem hat die Kreisverwaltung 7 neue Mitarbeiter eingestellt; die Organisation und Verwaltung der Freiheit ist vom Landrat und seiner Sekretärin alleine nicht mehr zu bewältigen.

Ja, sagt der Landrat den Bürgern, die Steuern steigen. Aber eines war uns doch von Anfang an klar: Freiheit hat ihren Preis.

Der Landrat ist übrigens glücklich und hält die Freiheit für den tollsten Gedanken überhaupt. Seit er sie aktiv fördert ist er überall beliebt, gern gesehen und merkt, dass er über den Einsatz der Mittel viel Einfluss gewonnen hat. Das ist schön, weil er diesen natürlich nur für gute Zwecke einsetzen wird. Zum Beispiel für die Ausbildung der Priester der Religionen des Fitzliputz und Ratzefatz, die als Gegenleistung für die Gemeinde den Religionsunterricht durchführen werden.

Phase 4: Die Freiheit nimmt weiter zu

Die Steuern steigen weiter. Erstens arbeiten inzwischen 5% der arbeitsfähigen Bevölkerung des Degernseer Tales im Landratsamt. Das ist unabdingbar, um die dem Landrat von seinen Bürgern anvertrauten Steuergelder professionell zu verteilen. Zweitens hat man inzwischen erkannt, dass es eine bodenlose Ungerechtigkeit ist, den Bauern und Pferdekutschern zu helfen, aber anderen Unternehmern bei schwieriger Marktlage nicht. Das sehen auch die Menschen ein, die gerade keine Arbeit finden:

Wenn Du den Unternehmern hilfst, warum dann nicht auch uns? Schließlich soll doch jeder in seiner Freiheit geschützt werden!

So langsam wird dem Landrat allerdings schon ein bißchen schwummrig. Er kann Kopfrechnen, kennt den Kassenbestand und kriegt Angst, dass die Freiheit immer weiter gefördert wird. Sein Problem: Mit welchem Argument weist er die Menschen ohne Arbeit, den nächsten Unternehmer in Schieflage, den nächsten Trachten- oder Sportverein ab?

Immer mehr Bürger erkennen jetzt, wie sehr ihre Freiheit immer noch eingeschränkt ist. Auch dadurch, dass man sich in schwieriger Lage an die Familie, die Nachbarn, Freunde oder Mitbürger wenden muss. Jeder weiß, dass Familien ganz schön unangenehm sein können. Die schränken das Recht ihrer Mitglieder, gemäß der eigenen Fasson zu leben, massiv ein. Dieses beschränkende familiäre Unterstützungsnetz muss schnellstens durch ein freiheitsorientiertes ersetzt werden! Um auch gleich das lästige Problem der alten Menschen zu lösen, für die man immer weniger Zeit hat, wird der Vorschlag gemacht, für jeden Bürger aus Steuermitteln eine garantierte Grundversorgung zu zahlen. Die Bischöfe des Fitzliputz und des Ratzefatz unterstützen dieses Projekt vehement: Es geht dabei um Mitmenschlichkeit und gegenseitige Hilfe, darum dass Jeder für jeden Mitmenschen einsteht, also um Menschenliebe – und das ist immer gut. Der Kreis übernimmt für die beiden Kirchen die Einziehung der Kirchensteuer.

Phase 5: Die Freiheit setzt sich durch! 

Die Steuern steigen stark und schnell. Erstens braucht das Personal des Landratsamtes massive Unterstützung, um die anstehenden Verwaltungsaufgaben auch weiterhin in der gewohnten Professionalität und Effizienz bewältigen zu können. Alleine schon die Abteilung für Statistik und Controlling hat jetzt 13 Mitarbeiter. Ihre Aufgabe ist es, durch präzise statistische Untersuchungen den langfristigen Erfolg der zahlreichen freiheitsfördernden Maßnahmen nachzuweisen. Ansonsten wäre dem Missbrauch von Steuermitteln ja Tür und Tor geöffnet; scharfe Machtkontrolle muss sein! Außerdem sind die Talbewohner überrascht, wie viele Bürger die Grundversorgung beantragen. Man macht sich keinen Begriff davon, welches Elend bisher unbemerkt geherrscht haben muss. Gut, dass man das Problem jetzt endlich entschlossen anpackt! Eine weitere Steuererhöhung ist allerdings nicht ratsam, weil die nächsten Wahlen anstehen und die letzte Steuererhöhung zu lautstarken und rustikalen Protesten im Bierzelt des Gebirgsschützenfestes geführt hat.

Dem Landrat wird es endgültig zu bunt. Er möchte einigen Vereinen, u.a. der Gesellschaft für atonale Musikgeschichte bedrohter Völker, dem Club zur Förderung des Degernsees (es weiß eigentlich niemand, was dessen Vereinszweck ist) und der Gesellschaft der Hundertjährigen Degernseer Buben und Mädeln (sie besteht nur noch aus drei Mitgliedern, die keine Versammlung mehr besuchen können) ihre Freiheitsunterstützung kürzen, um die Grundversorgung für bedürftige Bürger zu finanzieren. Dem Landrat ist zudem aufgefallen, dass viele Bürger immer unzufriedener werden. Sie müssen jetzt nämlich länger arbeiten als früher, um ihre Steuern zu bezahlen. Außerdem sind sie verstimmt, weil praktisch jeder Bürger konkrete Fälle vor Augen hat, wo andere von der Gemeinde gefördert werden, er aber nicht. Der Landrat erinnert sich dunkel an Jean-Jacques und möchte diesen ganzen Entwicklungen gegensteuern. Daraufhin solidarisieren sich sämtliche Vereine und bezichtigen den Landrat des Machtmissbrauchs und der Freiheitszersetzung. Auch den Mitarbeitern im Landratsamt gefällt dieser freiheitsgefährdende Sparkurs des Landrates gar nicht: Da müssten sie ja viele freiheitsessentielle Aufgaben und Projekte aufgeben.

Wie dem auch sei – auf bis heute ungeklärtem Weg gelangen für den Landrat belastende Akten aus dem Landratsamt in die Redaktion des Degernseer Kreisboten. Der Landrat mag angesichts dauerprotestierender Trachtler, Gebirgsschützen und der beiden neu gegründeten Rhönradfahrervereine (Oberes und Unteres Degernseer Tal – die können traditionell nicht miteinander) mit ihren Mahnwachen vor seinem Haus eh nicht mehr. Er tritt ab und geht in Pension. Kurz danach wird er von seinem Nachfolger, dem bisherigen Leiter der Statistikabteilung Degernseer Tal, mit dem Kreisverdienstkreuz ausgezeichnet.

Phase 6: Die Freiheit beginnt in der Wahlkabine

Die Steuern steigen nicht mehr. Der Grund: Der neue Landrat hat einen Kredit im Namen des Kreises aufgenommen. Davon kann man alle laufenden Projekte bezahlen, sogar noch die dringend gebrauchte personelle Verstärkung fürs Landratsamt einstellen. Angesichts der florierenden Trachten-, Schießgewehr- und Bergausrüstungsindustrie ist dieser Kredit durch zu erwartende Steuereinnahmen definitiv schnell wieder abbezahlt. Das geht praktisch von alleine. Sein Fachbegriff für dieses Konzept der Schulden, die keiner hat und die sich selbst zurückzahlen: Intelligente Schulden. Die Bevölkerung ist begeistert:

Es bringt halt doch etwas, wenn man Verwaltungsexperten in die Regierung wählt. Und außerdem bleiben endlich die Steuern stabil. 

Die politische Freiheit nimmt unaufhaltsam weiter zu. Es gibt immer mehr Parteien, die von Bürgern gebildet werden, um ihre Freiheit zu fördern. Sie machen das Landratsamt konsequent und entschlossen auf dringend nötige Projekte aufmerksam. Politiker und Wähler schließen zweckrationale Bündnisse: Wer gewählt wird betrachtet es als Ehrensache, seinen Wählern deren Vertrauen durch finanzielle Mittel zur Förderung ihrer Freiheit zu vergelten. Außerhalb des Degernseer Tales nennt man das missverständlicherweise Stimmenkauf, im fortschrittlichen Teil des Oberlandes weiß man aber, dass es natürlich um die Stabilisierung der Freiheit geht. Die Bürger befragen ihre Intuitionen und sehen klar und deutlich, dass sie nicht korrupt sind. Die Bischöfe des Fitzliputz und des Ratzefatz, angesehene moralische Autoritäten, bestätigen das. Die Übernahme von Verantwortung des Gewählten für seine Wähler sei ein Akt der Menschenliebe. Die Kreisrundfunkanstalt räumt ihnen kostenlos pro Tag 2 Stunden Sendezeit ein, damit sie die Botschaft der Menschenliebe und der gegenseitigen Hilfe noch besser verbreiten können.

Um diesen Schutz der Freiheit dauerhaft zu garantieren, beschließt man übrigens, die Parteien ab sofort aus Steuermitteln zu finanzieren. Das dient vor allem der Machtkontrolle, schließlich soll keine Partei einen Wettbewerbsvorteil durch ein Mehr an Spenden haben, Bürger damit verführen und vom Pfad der Freiheit abbringen können. Außerdem sind so der politische Pluralismus und der Wählerwille auch gleich irgendwie mitgesichert.

Das ist auch die Rettung für die sogenannte Degernseer Heimatfront! Diese Minipartei war schon so gut wie Pleite – kein Wunder, wenn man sich die Mitglieder anschaut. Es handelt sich dabei um eine Handvoll Tagelöhner, die meisten davon leben schon lange von der Grundversorgung. Sie sind geistig leicht beschattet und mit jedem der mittleren und größeren Bauern, ihren früheren Arbeitgebern, zerstritten. Man konnte sich nämlich mit diesen Ausbeutern nie so recht über die Menge und die Qualität der zu leistenden Arbeit einigen. Die Burschen von der Heimatfront glauben an die Theorie, dass der Boden im Degernseer Tal irgendwas mit ihrem Blut zu tun habe und dass das irgendwie alle Missstände und besonders den ihren erklärt und dass vor allem keine Menschen aus der Schierseer Gegend im Degernseer Tal leben und arbeiten dürfen. Letzteres scheint ihnen ganz wichtig zu sein und am meisten Spaß macht ihnen diese Theorie bei den regelmäßigen Raufereien mit den Schierseern in den diversen Bierzelten der diversen Trachten- und Gebirgsschützenvereine. Mit dem Geld aus dem freiheitsfördernden Parteienfinanzierungsfonds der Gemeinde können sie sich jetzt selber Gehälter als Parteianführer, wissenschaftlicher Parteichefberater und Parteiinformationsbüroleiter bezahlen. Da macht das Raufen gleich viel mehr Spaß, weil man sich jetzt auch einen richtigen Doktor danach leisten kann. Und die Heimatfront kann Flugblätter drucken lassen, worin sie den Volksgenossen des Degernseer Tals die Sache mit dem Blut und dem Boden und den Schierseern erklärt. Die Flugblätter schreibt ihnen übrigens ein verkrachter Dichter aus der Schierseer Gegend; sie selber haben es mit dem Schreiben nicht so. Das sei eher unmännlich, sagt der wissenschaftliche Parteichefberater. Die Burschen von der Heimatfront finden das mit der Freiheit jedenfalls alles in allem ziemlich gut.

Phase 7: Die Freiheit wird professionalisiert 

Die Steuern und die intelligenten Schulden steigen weiter. Es wird eine Gemeindeeigenheimzulage eingeführt, auch Häuslebauer wollen frei sein. Außerdem erhält jeder Pferdefuhrwerkbesitzer eine monatliche Zuwendung in Höhe von 100 Tariffuhren. Die pfiffigen Bauern transportieren ihre Waren nämlich seit kurzem nicht mehr mit den Pferdefuhrwerken, sondern bringen sie mit einer selbstgebauten Bahn zum Degernsee, wo sie auf ein Schiff nach Kmund verladen werden. Das spart viel Geld. Der Landrat erklärt sein entschlossenes Eingreifen klar und überzeugend:

Erstens kann man nicht einfach eine traditionelle Transportform wie das Pferdefuhrwerk verschwinden lassen. Zweitens haben auch die Pferdefuhrwerkbesitzer und vor allem die Fuhrknechte ein Recht auf Arbeit und freie Berufswahl und drittens weiß man ja nie, ob man die Pferdefuhrwerker und ihr Know How in schlechten Zeiten nicht noch einmal brauchen kann. 

Die Subvention zeigt Wirkung. Die Zahl der Pferdefuhrwerkbesitzer nimmt zu, die Zahl der Pferdefuhrknechtlehrstellen für junge Menschen erreicht einen Rekordstand. Genau wie die Beliebtheit des Landrats in der Pferdetransportindustrie.

Der Kreistag besteht inzwischen zu 60% aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung. Diese haben sich lange genug über die verwaltungstechnisch laienhaften und naiven Beiträge der ungeschulten Menschen draußen im Degernseer Tal und im von selbigen besetzten Kreistag geärgert, die Parteien gezielt mit ihrem Fachwissen verstärkt und schnell die Spitzenpositionen erklommen: Kompetenz setzt sich durch! Dabei hat sicher auch geholfen, dass ihnen die Kreisverwaltung ihre Stelle in der Verwaltung freihält, wenn sie in die Politik gehen.

Ein neues, nicht vorhersehbares Phänomen tritt auf: Seltsamerweise werden die Familien im Degernseer Tal immer kleiner oder lösen sich ganz auf. Und es werden immer weniger Familien gegründet. Die Theorie, das könne daran liegen, dass diese ihren bisherigen gesellschaftlichen Zweck der materiellen Absicherung der Familienmitglieder durch das attraktivere Modell der Grundversorgung nicht mehr erfüllen müssen, wird von Landrat und Kreistag entschieden zurückgewiesen:

Erstens sei die Bevölkerung im Degernseer Tal nicht so kaltherzig und egoistisch, um die Familienbande lediglich als Mittel zum Zweck zu betrachten. Außerdem sei es nicht mit der Freiheit eines Bürgers vereinbar, von einer Familie abhängig zu sein. Und überhaupt sei diese Einstellung nicht mit den Religionen von Fitzliputz und Ratzefatz vereinbar, die beide die traditionelle Degernseer Bauernfamilie als Lebensideal hochhalten und predigen. 

Man gründet also zügig eine neue Abteilung im Landratsamt. Diese soll erstens der Frage nachgehen, warum die Familie als Lebensform an Attraktivität verliert und zweitens das in Rekordhöhe und Rekordzeit aufgelegte Programm zur Familienförderung zielgenau durchführen. Den Kirchen werden Mittel aus dem Programm zur Verfügung gestellt, damit sie eine effektive Familienberatung aufbauen können. Die Bevölkerung freut sich, weil man einen Landrat hat, der schnell und entschlossen handelt, wenn die Freiheit in Gefahr ist. Die Familien, die Trachtler, die Gebirgsschützen, die Pferdefuhrwerkbesitzer, deren Fuhrknechte und viele andere wählen den Landrat wieder ins Amt: Es soll weitergehen mit der Freiheit!

Apropos Freiheit. Charly, ein guter Freund, ja, sogar ein Spezl des Landrats, berichtet empört, dass die beiden ortsansässigen, sehr ländlich orientierten Privat- bzw. Genossenschaftsbanken ihn durch konsequente Kreditverweigerung in seiner unternehmerischen Entfaltungs- und Gestaltungsfreiheit behindern würden. Charlys Geschäftsidee leuchtet dem Landrat und seinen Kollegen aus der Verwaltung und dem Kreistag sofort ein: Es sollen Sandkästen und Sandspielzeug in die Sahelzone exportiert werden. Dort gibt es nämlich jede Menge Sand und nichts, was die Einwohner, die viel freie Zeit haben, damit anfangen könnten. Dieses Projekt kann nur ein Riesenerfolg werden, ein volksnaher und erfahrener Politiker sieht das sofort!

Der Landrat spricht mit den Banken, allerdings ergebnislos. Die Degernseer Bauernbanker haben einfach keinen global geschulten visionären Geschäftssinn. Die denken nur an Kartoffeln, Milchkühe und Mähdrescher. Kreistag und Landrat gründen also eine Bank, die Degernseer Talbank. In den Aufsichtsrat werden quer durch alle Parteien aus Gründen der Machtkontrolle altverdiente Kämpfer für die Sache der Freiheit bestellt. Das Durchschnittsalter beträgt 79 Jahre – aber Erfahrung ist ja gerade im Geschäftsleben immer gut.

Phase 8: Die Freiheit wird philosophisch begründet 

Die Steuern steigen. Die Zahl der Mitarbeiter in der Kreisverwaltung steigt noch schneller. Die intelligenten Schulden steigen auch. Gründe dafür gibt es viele. Erstens werden die Bürgerverwaltungsparteien immer findiger im Auftun neuer freiheitsfördernder Projekte. Und wenn man schon im Kreistag sitzt, muss man ja auch was tun! Zweitens brauchen immer mehr Bürger die Grundversorgung. Das ist kein Vorwurf; nicht jeder ist schließlich so talentiert, dass er seinen Lebensunterhalt und die inzwischen beachtlichen Steuern erarbeiten kann. Drittens haben die Leute in der Sahelzone einfach nicht kapiert, dass sie Sandkästen und Spielzeugbagger brauchen; die Talbank hat da ziemlich viel Geld in den Sand gesetzt. Der Aufsichtsratschef übernimmt die Verantwortung, geht in Pension und erhält kurz darauf das Kreisverdienstkreuz. Die Begründung: Unermüdlicher globaler Einsatz für die Sache der Freiheit.

Charly erweist sich als wahrer Unternehmer, läßt sich von dem Rückschlag nicht entmutigen und erhält den zweiten Großkredit von der Degernseer Talbank. Diesmal muss es einfach klappen: Er baut eine Fabrik für Schlauchboote und exportiert sie in die Sahelzone – die Bevölkerung dort ist total wasserbegeistert! Außerdem erhofft sich der Landrat dicke Gewinne von der Talbank. Die Kredite des Kreises und der Gemeinden müssen ja so langsam zurückgezahlt werden und wider Erwarten tun die Kredite das doch nicht selbst.

Auch intellektuell blüht die Degernseer Gegend auf. Ein philosophisches Buch sorgt für Aufsehen im ganzen Tal. Ronald Rawls analysiert akribisch seine Intuitionen, die Grundsätze der politischen Arbeit von Landrat, Kreistag und der vernünftigen Bürgerverwaltungsparteien und schafft es tatsächlich, diese vielen verschiedenen Dinge in einem sich selbst stabilisierenden Denkgleichgewicht zu vereinen. Dabei kommt er zu einem überraschenden und sehr erhellenden Ergebnis: Jean-Jacques und die Gründerväter haben einen ganz wichtigen Wert einfach übersehen! Neben der Freiheit sei Gleichheit als Richtschnur der gesellschaftlichen Entwicklung anzustreben. Der Landrat, der Kreistag und die Parteien sind intellektuell echt erleichtert. Sie hatten schon lange geahnt, dass am System der Freiheit was fehlt. Man erklärt die Freiheit also offiziell für gesichert und macht sich daran, ausgestattet mit einem dichten Schleier des Nichtwissens vor Augen, für Gleichheit zu sorgen. Ein weites Feld.

Phase 9: Soziale Gerechtigkeit

Die Steuern steigen. Die intelligenten Schulden steigen. Die Zahl der Nettosteuerzahler sinkt. Ein Grund dafür sind die bedauerlichen Massenentlassungen in der von Pleite bedrohten Schlauchbootfabrik. Die Talbank erfüllt ihre soziale Aufgabe, gibt Charly den dritten Großkredit, diesmal zur Rettung der Arbeitsplätze. Aber ein paar kleinere Turbulenzen waren für die Anfangsphase der Gleichheitsorientierung bzw. der Reform der Grundstruktur des Degernseer Tals gemäß dem Ronald Rawlsschen Diffusionsprinzip ja zu erwarten. Wie vorher schon die Freiheit hat halt auch die Gleichheit ihren Preis. Der Landrat erklärt den Bürgern, dass sie in 20 Jahren mit Stolz auf diese schwierige Phase in der Geschichte des Tals zurückblicken würden. So, wie man damals die Sandkastenkrise gemeinsam gemeistert habe, werde man auch jetzt zusammenhalten und in aller Entschlossenheit das Schlauchbootproblem lösen und gestärkt daraus hervorgehen. Um die etwas verwickelte Begründung der Unterstützung für Charlys Schlauchbootfabrik knapp und klar zusammenzufassen, wird der Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Degernseer Tal offiziell per Kreistagsbeschluß eingeführt.

Der Gemeinderat erhöht die Steuern und führt bei dieser Gelegenheit auch eine kalte Progression ein. Wegen der sozialen Gerechtigkeit. Auch für die Neugestaltung der Einkommensstruktur wird das Diffusionsprinzip von Ronald Rawls als Leitlinie herangezogen. Das führt erst einmal zu dem gewünschten Effekt: Stetige Verminderung der Gehaltsunterschiede im Tal bei stetiger Erhöhung der Steuereinnahmen. Das wird auch höchste Zeit. Viele Menschen können sich nämlich alleine nicht mehr über Wasser halten und immer mehr Bürger beanspruchen die Grundversorgung. Übrigens auch die Ruderbootschnitzer; ihre Produkte haben gegen die billigen Schlauchboote aus der Fabrik von Charly keine Chance. Aufs Ganze gesehen ist das eigentlich gut so, weil vor allem verwaltungsferne Arbeitsplätze abgebaut werden, die gemäß dem Freiheits- und Gleichheitsgedanken sowieso unzumutbar sind.

Unerklärlicherweise entwickelt sich nach den ersten Anfangserfolgen die Einkommensstruktur des Degernseer Tals in bedenklicher Weise. Ganz oben finden sich ein paar sehr reiche Bürger, in der Regel Großbauern. Die Mitte dünnt Tag für Tag mehr aus – es hat jetzt sogar einen extrem zählebigen Friseurmeister erwischt – und unten sammelt sich die große Mehrheit der Klein- und Nichtverdiener. Ein Mitarbeiter der inzwischen mit 23 hochkarätigen Experten besetzten Statistikabteilung der Kreisverwaltung läßt eine externe Studie zur Ursachenforschung anfertigen. (Die Abteilung selbst ist mit anderen Aufgaben zur Implementierung der sozialen Gerechtigkeit total überlastet und hat dafür keine Zeit). Die unglaubliche Kernaussage dieser Studie: Der Grund liegt im Diffusionsprinzip, das seine Aufgabe wie gedacht erfüllt und für eine starke Angleichung der Einkommen sorgt! Was heißt das? Um einen relativ bescheidenen Einkommenszuwachs zu erzielen, wird für die Bürger ein immer größeres Maß an Anstrengung und Höherqualifizierung nötig. Das ist, so die Studie, für viele Bürger keine attraktive Option; sie geben sich mit dem Erreichten zufrieden. Einige schaffen die nötige Höherqualifizierung auch einfach nicht. Kurz: Den Bürgern fehlt es an Talenten und vor allem Motivation, die freiheitlich-egalitäre Vision sozialer Gerechtigkeit des Degernseer Tales aktiv zu unterstützen!

Komischerweise macht das inzwischen aus Gleichheitsgründen verkreiste und vereinheitlichte Bildungssystem die Menschen auch nicht gleicher: Der soziale Hintergrund ist im ganzen Tal leider ein guter Indikator für den späteren Bildungsabschluß. Die Studie erklärt auch dieses Phänomen unter Hinweis auf die Folgen des Diffusionsprinzips, d.h. mit der stark zurückgegangenen finanziellen Attraktivität höherer Abschlüsse. Auf die Gesamtheit des Arbeitslebens betrachtet verdient ein Arzt im Tal seit neuestem nicht viel mehr Geld als ein Vorarbeiter in der Trachtenindustrie, ein Großknecht in der Landwirtschaft oder ein leitender Fuhrknecht. Warum also 10 Jahre lang Medizin studieren?

Der Kreistag weist die Studie einstimmig als unhaltbar und perfide, da sozial ungerecht zurück und versetzt den für die Auftragserteilung verantwortlichen Mitarbeiter als Hilfssäger in die gemeindeeigene Holzknechtabteilung in Wildbad Greuth:

So egoistisch und kurzsichtig sind die Bürger im Degernseer Tal nicht! Schließlich soll ein Arzt nicht an sein Einkommen denken, sondern daran, andere Menschen zu heilen! Und ein Großbauer hat in erster Linie soziale Verantwortung für die ihm anvertrauten Mitarbeiter, nicht für die freiheitsgefährdende und gleichheitswidrige Mehrung seines eigenen Vermögens und seiner Kühe!

Es ist überhaupt in letzter Zeit eine beklagenswerte Ellenbogenmentalität im Tal zu registrieren. Immer weniger Bürger engagieren sich nach dem inzwischen sehr lang gewordenen Arbeitstag für das allgemeine Wohl, sondern nehmen zur eigenen Bereicherung Nebenjobs an. Der Trachtenverein zum Beispiel hat trotz vom Landrat bereits mehrfach aufgestockter Lederhosenzulage ernsthafte Nachwuchsprobleme. Die Bischöfe des Fitzliputz und des Ratzefatz ermahnen die Ärzte, die Großbauern und alle anderen Bürger im Degernseer Tal eindringlich, nicht nur an ihren Profit zu denken, sondern Sinn für das Mitmenschliche zu zeigen und außerdem für neue Kirchenglocken zu spenden. Die Erbschaftssteuer wird einstimmig auf 87% erhöht, man hat Angst, dass die 4 verbliebenen Großbauernfamilien im Tal sonst den Kreistag unterwandern, Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit abschaffen könnten. Die Bevölkerung ist in weiten Teilen von dieser Erhöhung eh nicht betroffen und begrüßt sie als sozial ausgesprochen gerecht.

Phase 10: Die Befreiung der Gleichheit

Der globale Großunternehmer Charly setzt das nächste leuchtende Beispiel für soziale Verantwortung; er ist halt ein verlässlicher Fels in der egoistischen Profitbrandung. Er gründet mit einem weiteren Großkredit der Talbank eine neue Fabrik und schafft ein drittes mal viele Arbeitsplätze. Diesmal wird es klappen: Er importiert Sand aus der Sahelzone, reichert ihn in der heimischen Fabrik mit Salz aus Bad Reichenhall an und exportiert diese Mischung nach Grönland. Ihm ist nämlich aufgefallen, dass die Eskimos 10 Monate im Jahr vereiste Wege und Straßen haben und kein Gramm Streugut!

Der Philosoph John Dworkin veröffentlicht zur selben Zeit eine sehr interessante Theorie. Er hat seine Intuitionen vorbehaltlos auf den Prüfstand gestellt, mit den Erlassen des Kreistags, den tief verwurzelten Überzeugungen der Abteilungsleiter des Landratsamtes, der Trachtler, Bischöfe, Gebirgsschützen und Pferdekutschenfahrer sowie den politischen Strukturen des Degernseer Tals in Kohärenz gesetzt und festgestellt, dass gar nicht Freiheit, sondern Gleichheit der zentrale Wert für eine sozial gerechte Gemeinde ist und sein soll! Die Großbauern wurden übrigens nicht befragt; sie gelten als grundsätzlich unvernünftig. Dem Landrat, der Kreisverwaltung und den Parteien geht wieder ein Licht auf: Genau! Das ist es! Voller Elan machen sie sich an ihre Aufgabe, die Gleichheit endlich aus den Fesseln der Freiheit zu befreien. Auch ein weites Feld.

Phase 11: Die Gleichheit nimmt jetzt richtig zu

Zügig, in geschlossener und vorbildlicher Zusammenarbeit aller Bürgerverwaltungsparteien, der Kreisverwaltung, der Kirchen des Ratzefatz und Fitzliputz und des Landrates werden die Steuern und die intelligente Kreditaufnahme der Gemeinde erhöht. Es gibt nämlich dummerweise schon wieder mehr Menschen, die sich wegen des unsolidarischen Motivationsmangels der arbeitenden Restbevölkerung und der asozialen Profitgier der 4 (faulen) Großbauern nicht selbst über Wasser halten können -  und die brauchen Unterstützung. Ein Teil von ihnen wird im Rahmen eines Konjukturprogrammes im Landratsamt angestellt und soll die Latschen in den Plaubergen und die Stechmücken am Westufer des Degernsees zählen. Die Statistikabteilung will nämlich schon lange wissen, wie viele davon es gibt und kauft auch gleich eine komplexe Software für die Erfassung und Auswertung der Daten. Dummerweise läuft diese Software nicht auf den vorhandenen Computern; man benötigt also neue Rechner. (Der Mitarbeiter, der dafür verantwortlich ist, wird kurz danach zum Teamleiter befördert. In der Verwaltung freuen sich alle Kollegen über die neuen Computer). Die Steuererhöhung wird dadurch ein kleines bisschen teurer. Sie wird allerdings sozial gesehen sehr gerecht gestaltet und auf die oberen 5% der Einkommen beschränkt, also im wesentlichen auf die 4 verantwortungslosen Großbauernfamilien. Diese tragen zur Zeit etwa 85% der Steuereinnahmen bei und halten immerhin noch gut 25% der Bürger des Tales in abhängigen und somit unsozialen Arbeitsverhältnissen gefangen. Es trifft also keine Armen und sowieso die Richtigen.

Die Bevölkerung freut sich, dass endlich was für die soziale Gerechtigkeit getan wird. Den Anhängern des Gottes Strutzelwutz, ungefähr 3% der Bevölkerung, wird es verboten, in den kreiseigenen Kindergärten und Schulen den für sie charakteristischen grünen Filzhut mit Gamsbart zu tragen. Dieser sei ein politisches Symbol für die immanente Unterdrückung, oder so. Die roten Filzhüte der Fitzliputzianer (auch mit Gamsbart) und die gelben der Ratzefatzen (mit zwei kleinen Gamsbärten) bleiben natürlich erlaubt. Es handelt sich dabei nämlich um tief im Volksglauben des Tales verwurzelte Symbole der Menschenliebe. Die Bischöfe des Fitzliputz und des Ratzefatz rufen die Bürger zu Rechtgläubigkeit, Toleranz und zur Wiederwahl des Landrats auf.

Der Kreistag läßt von zwei Bürgerverwaltungsparteistiftungen eine neue Studie erarbeiten, die völlig unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kommen: Die vier superreichen Großbauernfamilien der Gemeinde sind insgesamt an Allem Schuld! Sie horten so viel Land und Eigentum, dass für die anderen Bürger natürlich nichts mehr übrig bleiben kann. Die zweite Ursache ist der Markt, also die Wiese gleich neben dem Wirtshaus. Sie erzeugt auf Dauer gesehen irgendwie diese enormen Ungleichheiten. Des Rätsels Lösung liegt jetzt endlich klar zutage: Enteignung und Verkreisung der vier Großbauernfamilien zum Wohle der Allgemeinheit bzw. des Degernseer Tals! Gleichzeitig führt man die beiden Bauernbanken mit der kreiseigenen Talbank zu einem schlagkräftigen, global agierenden Institut zusammen.

Charly wird neuer Direktor dieser großen Talbank. Er steht erfreulicherweise für diesen verantwortungsvollen Posten zur Verfügung, weil es in Grönland seit der Klimaerwärmung Tauwetter hat und jetzt doch kein Sand gebraucht wird (aber er denkt schon an Gummistiefel mit Edelweißmuster ….). Der Trachtenverein hält am Gründungstag ein großes Fest ab. Geschuhplattelt wird in kurzen, weißen Baumwollturnhosen. Aufgrund der Erbschaftssteuer befinden sich nämlich inzwischen alle Lederhosen in Gemeindehand und seit einiger Zeit gibt es auch einen kurzfristigen und vorübergehenden Hirschlederengpaß. (Dahinter stecken vermutlich die Großbauern). Bier ist auch gerade aus, aber den Leuten schmeckt das in Charlys ehemaliger Sandveredelungsfabrik hergestellte sogenannte Gleichheitskracherl auch. Zumindest sagen sie das dem Landrat, wenn er sie in seiner jovialen, bürgernahen Art fragt. Der Markt, also die Wiese neben der Kirche, wird mit einem Betretungsverbot belegt; damit ist eine weitere Ursache sozialer Ungerechtigkeit beseitigt. Der Siegeszug der Gleichheit setzt sich fort.

Phase 12: Langsam wird alles gleich

Die Steuern steigen nicht mehr, weil man sie endlich als Relikt aus der Zeit der Ungleichheit abgeschafft hat. Die Kreisverwaltung beschäftigt inzwischen jeden dritten Bürger und gilt als krisensicheres Sammelbecken und Kaderschmiede der Kreiselite. Der Kreishaushalt wird nun aus den Gewinnen der bürgereigenen Bauernhöfe, Trachten-, Schlauchboot-, und Schießgewehrfabriken bestritten. Die Talbank wird nach der ersten Anlauf- und Konsolidierungsphase sicher auch einmal dazu beitragen können; Charly hat schon ein Strategiekonzept vorgelegt. Die Sandveredelungs- bzw. Kracherlfabrik wird mit Kredit der Talbank in die Schlauchbootfabrik integriert. Charly konnte nachweisen, dass durch diese Maßnahme enorme Synergien abgeschöpft werden. Es werden auch weiterhin intelligente Schulden gemacht.

Leider gibt es schon wieder ein Problem: Die Trachtenfabriken machen trotz engagierter Rettungsversuche der Talbank zu, es gibt keine Hirsche und Kühe und somit kein Leder mehr. (Genau: die Großbauern!). Der Gleichbürgertrachtenverein Rottachegern möchte seinen Beitrag zur Fortentwicklung der Gemeinschaft leisten und erklärt daraufhin kurze, weiße Baumwollturnhosen, weiße Baumwollleiberl und Gummistiefel mit Edelweißmuster zur traditionellen Degernseer Gleichbürgertracht. (Charly leitet übrigens seit einiger Zeit auch das Gemeindevereinsverwaltungsamt). Die Statistikabteilung setzt sofort ein auf mehrere Jahrzehnte angelegtes Großprojekt auf, das konsequent untersuchen soll, was aus den Hirschen und Kühen im Degernseer Tal geworden ist. In der Bevölkerung kursieren seit einiger Zeit wilde Gerüchte über einen wiederauferstandenen, weiland heimtückisch von Gemeindejägern ermordeten Wildschützen mit Namen Jennerwein. So einen unaufgeklärten Schmarrn kann man aber einfach nicht ernst nehmen.

Die Arbeitsplätze der bankrotten Trachtenbetriebe bleiben jedenfalls gemäß des Rechts auf Arbeit und wegen der sozialen Gerechtigkeit alle erhalten. Es werden einfach ab sofort mit Anschubfinanzierung der Talbank Schlauchboote hergestellt. Und Gummistiefel mit Edelweißmuster. Man ist auf dem besten Wege zur Schlauchbootmacht Nummer Eins! Charly erhält das vierte Kreisverdienstkreuz am Bande.

Übrigens regelt sich das mit der Heimatfront auch. Der Parteianführer und der wissenschaftliche Parteichefberater haben ein tolle Idee, wie man das Schierseeproblem final lösen kann: Sie bauen eines von Charlys Schlauchbooten zum Schlauch-U-Boot um! Das geht ganz einfach: Rauspaddeln, Ofenrohre, Blasebalg und Pferdefuhrwerkplane mitnehmen, Plane überziehen und Ofenrohre nach oben raus. Dann die Luft rauslassen, unter Wasser weiterpaddeln bis zum Schierseer Ufer, durch die Ofenrohre atmen, mit Blasebalg Boot wieder aufblasen, auftauchen – und dann blitzschnell mit harter Faust draufhauen, auf die Schierseer! (Oh Mann, die werden schauen, wenn wir plötzlich auftauchen!). Die Sache hat erfreulicherweise tatsächlich ein Happy End bzw. einen konzeptionellen Fehler und die Burschen von der Heimatfront tauchen nie wieder auf.

Den einen oder anderen Rückschlag gibt es allerdings auch. So wie halt überall. Der Export der Schießgewehre kommt bis auf die Lieferungen für die Brudergemeinde Havanna leider zum Erliegen. Nach maximal 5 Schuß zerreißt es den Lauf, aber Fitzliputzseidank nur wenn die Munition funktioniert. Es kann also praktisch nichts passieren. (Die Munition kommt aus der ehemaligen Sandveredelungs-, dann Kracherl-, Trachten- und jetzigen Schlauchbootfabrik). Die Kreisverwaltung gründet trotzdem eine Abteilung Sabotagebekämpfung mit 87 Mann und macht sich auf die Suche nach den Schuldigen. So einen Schießgewehrlauf zerreißt es ja schließlich nicht von alleine!

Die Bauernhöfe fallen als Nahrungsmittellieferanten aus: Der Plan von Charly, nur noch Radi anzubauen und nach Bad Reichenhall zu exportieren, damit die dort eine Sättigungsbeilage für ihr Salz haben, schlägt überraschenderweise fehl. Erstens sind die Degernseer Radi viel zu holzig; der Betriebsleiter kommt aus der Schlauchbootindustrie und sein Produktionsplanungsstab aus der Kreisverwaltung. Sie müssen trotz vorbildlicher gleichbürgerlicher Gesinnung und verwaltungstechnischer Eliteausbildung zusammen mit ihrer Radiproduktionsbürgergemeinschaft einfach eine Lern- und Aufbauphase durchlaufen. Deshalb hält man diese Ursache auch geheim; aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit darf man keine verdienten Führungskräfte und Gleichbürger an den Pranger stellen. Außerdem sabotieren die umliegenden Landkreise aus Neid auf das fortschrittliche Degernseer Tal und seine dynamische Vorwärtsentwicklung dessen Radiproduktion, indem sie aus purer Profit- und Habgier Charlys Idee kopieren und selbst Radi anbauen. Diese Ursache verbreitet man im Kreis, damit den Bürgern bewußt wird, dass sich die Lage im Tal langsam verändert und der Feind sich organisiert.

Phase 13: Auf die Gesinnung kommt es an!

Die Zahl der Beschäftigten der Kreisverwaltung steigt. Inzwischen arbeitet jeder zweite Bürger für den Kreis und das Allgemeinwohl. Die Schulden wurden durch Einstellung der Zahlungen an die verfeindeten Nachbarkreise- und Gemeinden auf Null gesetzt. Warum soll man die gegen das Tal gerichtete Radi-Verschwörung mit dem hart erarbeiteten Geld der Talgleichbürgergemeinschaft finanzieren? Charly leitet jetzt nicht nur die inzwischen entstandene Großschlauchbootfabrik, sondern auch das Kreiszentralplanungs- und wirtschaftsamt, inzwischen hinter der Antisabotageabteilung und dem Kreiszentralverwaltungsamt für soziale Gerechtigkeit die drittgrößte Unterbehörde.

Trotzdem spüren der Landrat – er ist trotz seiner 102 Jahre noch relativ wach und präsent – und die Kreisverwaltung einen Mangel an Gleichheitsmotivation in der Bürgerschaft. Der überzeugendste Therapievorschlag kommt aus einem Gemeinschaftsprojekt der Kreiszentralbildungsabteilung und den Kollegen von der Antisabotage: Die Kreisverwaltung, der Landrat oder der Kreistag – so genau kann man das nicht sagen – beschließt, die Gleichbürger besser zu motivieren, also die Anzahl der motivierenden Ansprachen an die Gleichbürgergemeinschaft zu erhöhen, deren Länge zu steigern und stärkere Lautsprecher einzusetzen. Als bester Gleichbürgermotivator stellt sich überraschenderweise der stellvertretende Leiter des Kreiszentralverwaltungsamtes für Latschen- und Stechmückenerfassung heraus, das vor einigen Monaten aus der Statistikabteilung ausgegliedert wurde, weil es zu groß geworden war. Er schafft es mühelos, die Gleichbürger des Tals achteinhalb Stunden lang mit einer Ansprache in seinen Bann zu schlagen. Er wird in den Kreistag versetzt; politische Talente kann man immer brauchen.

Die Gleichbürger des Degernseer Tals bewundern übrigens ihren Landrat sehr. Trotz seiner 102 Jahre klettert er mühelos im achten Schwierigkeitsgrad (mit Rucksack), taucht quer durch den Degernsee, spurt in Rekordzeit bei Neuschnee auf den Schildenstein und trainiert regelmäßig in der Biathlonloipe mit seinem Gebirgsschützenschießgewehr auf dem Rücken mit den anderen Mitgliedern der Nationalmannschaft. Diese nehmen die Ratschläge eines alten Jägers und Gebirgsschützen natürlich sehr gerne an. Das kann man regelmäßig im Kreisfernsehen, dem Kreiskino und der Kreiszeitung sehen bzw. lesen. Der Leiter des Kreisverwaltungsgleichbürgerinformationsundaufklärungsamtes hat das Kreisverdienstkreuz übrigens schon in zweifacher Ausfertigung erhalten. Ihm obliegt unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit für den Landrat und dafür hat er eine ganz moderne Kamera- und Computerausrüstung bekommen.

Phase 14: Es herrscht soziale Gerechtigkeit! 

Endlich sind im Degernseer Tal alle Menschen gleich und auch irgendwie sozial befreit. Das Gemeinschaftsgefühl, die emotionale Verbundenheit der Gleichbürger untereinander ist einfach bombastisch. Sie helfen sich gegenseitig ohne Murren, die Löcher in den Hausdächern zu stopfen und versorgen sich ganz unegoistisch mit Tips, wo man gerade Kartoffeln, Kohlrabi, Radi, Schuhbänder und andere Luxusgüter tauschen kann. Das Ganze wird begleitet durch einen kernigen und unkomplizierten, gemeinschaftsnahen Humor. Besonders die Witze über das Gemeinschaftsschlauchboot Nummer 1, im Gleichbürgermund liebevoll Gschlaubo genannt, dessen Haut sich bei längerem Aufenthalt im Degernsee auflöst, sind legendär. Sogar Charly muss manchmal darüber lachen.

Um dieses enorme motivationale Kapital weiter zu stärken, beschließt die Kreisverwaltung oder der Kreistag oder so jemand das Abhalten von Großgesangsbürgerveranstaltungen. Die Teilnahme ist verpflichtend, da unbedingt gleichheitssichernd. Das Liedgut soll auch die nicht zur Kreisverwaltungselite gehörenden aber trotzdem gleichermaßen gleichen Gemeinschaftsmitglieder ansprechen und motivieren. Lieder wie

Ich hab` ein knallrotes Gummiboot! 

Ein Bett im Kornfeld reicht eigentlich aus! (Papa was ist denn das, ein Kornfeld?) und das launige

Bin ich Radi bin ich König!

erweisen sich als Dauerbrenner und werden vom Kreismusikbürgerverwaltungsamt in hoher Auflage auf Tonbandkassetten an die Gleichbürgergemeinschaft verteilt. Charly erhält von irgendjemandem aus dem Kreistag oder so den Auftrag, mit seinem Kreisbürgerzentralplanungs- und wirtschaftsamt einen Produktionsplan für Kassettenrekorder zu erstellen. Irgendwann um diese Zeit herum legt man dann noch schnell die Kreisverwaltung, den Kreistag, den Stab des Landrates und das Kreisgleichbürgergericht zusammen. Erstens sind die wegen der Gleichheit in ihrer Funktion eh nicht mehr zu unterscheiden und bestehen zweitens im wesentlichen aus denselben Personen. Außerdem wird mit dieser Maßnahme ein deutliches Signal gesetzt, dass der Bürokratieabbau auch in Zukunft entschlossen vorangetrieben wird. Der kurze Name der neuen Universalbehörde bringt das klar zum Ausdruck: Kreisgleichbürgerbüro Degernseer Tal. Übrigens hat man schon vor längerem die Wahlen eingestellt. Das Ergebnis war eh immer dasselbe, die gewählten Personen im Prinzip auch und den fünfjährlichen mörderischen Wahlkampfstress wollte man dem allseits verehrten alten Herrn im Landratsamt auch ersparen. Aus Gründen der Menschenliebe und Solidarität.

Phase 15: Ja mei, diese Philosophen …

Wieder taucht ein Philosoph auf. Ein Engländer. Er schaut sich das Treiben im Tal an, spricht mit ausgesucht repräsentativen Gleichbürgergemeinschaftsmitgliedern, den maßgeblichen Gleichbürgerbüromitgliedern, den stellvertretenden Gleichbürgerbüromitgliedern und dem Landrat. Dokumente kriegt er keine zu sehen, alle schriftlichen Unterlagen sind seit einiger Zeit geheim. Die Radi-Verschwörung hat ihre hinterhältigen Spione und Zuträger überall! Das Gespräch mit dem 108-jährigen Landrat geht schnell, der kann nicht mehr länger als 12 Sekunden am Stück die Augen offen halten und in diesen 12 Sekunden ist auch nicht viel los. Der Philosoph analysiert seine so gewonnenen Eindrücke und setzt sie in Kohärenz mit den am tiefsten verwurzelten normativen Überzeugungen der Gleichbürgergemeinschaftsmitglieder. Er faßt das Ergebnis seiner Überlegungen in einem Buch zusammen. Der Titel des Buches: Animal Farm. Der Name des Philosophen: George Orwell. Zum Glück kann im Degernseer Tal keiner Englisch.

Phase 16: Der Schlussstein wird gesetzt!

Irgendwer im Gleichbürgerbüro hat die soziale Durchbruchsidee, die alle Probleme auf einen Schlag beseitigen wird: Am Tage seiner Geburt erhält jedes Junggleichbürgergemeinschaftsmitglied einen unkündbaren Anstellungsvertrag beim Gleichbürgergemeinschaftsbüro. Die Vorteile: Es gibt ab sofort keinen einzigen Gleichbürger ohne Stelle mehr, endlich hat man genug Personal für den fast schon nicht mehr zu bewältigenden Berg der Verwaltungsaufgaben, die Pensionszahlungen sichern für jedes Gleichbürgergemeinschaftsmitglied die Versorgung im Alter und man braucht auch keine Grundversorgung mehr, weil ja jetzt ein jeder eine Stelle hat. Irgendjemand wird für diese Idee mit dem Gleichbürgerbüroverdienstkreuz ausgezeichnet, die gut geölte Gleichbürgerbüromaschine läuft mit gewohnter Präzision an, um diesen letzten Schritt hin zur vollständigen Gleichsozialegalisierung des Degernseer Tales vorzubereiten. …. Und wenn die Gleichheit nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch!

Phase 17: Jennerwein lebt!

Übrigens hat das Tal seit neuestem ein Sicherheitsproblem. Irgendwo in den Plaubergen hat sich eine Anarchistengruppe gebildet. Sie tragen richtige Lederhosen, wildern mit funktionierenden, also nicht gleichbürgereigenen Schießgewehren die gleichbürgerbüroeigenen Gemsen und singen hundsgemeine Spottlieder auf den Vater des Degernseer Tals, den 114-jährigen Landrat. Ihre Anführer sollen ein geisterhafter, wiederauferstandener Wildschütz mit Namen Jennerwein und ein geheimnisumwitterter ehemaliger Friseurmeister sein …….

 

PD Dr. Andreas Edmüller, 12.11.2016, (ursprünglich verfasst im Jahre 2013).

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